Designer Michael Hilgers über das VANJOY Projekt

Herr Hilgers, wie kommt man als Designer dazu, einen „minimalistischen Design Campervan“ zu entwickeln?

 

Im Grunde war lediglich mal wieder ein neues Fahrzeug für mein Designstudio fällig- und wie üblich setzt man sich dann natürlich zunächst einmal hin und überlegt, was man denn haben möchte bzw. benötigt:

 

Als Möbeldesigner habe ich häufig großformatige Plattenwerkstoffe zur Erstellung von Prototypen zu transportieren; Möbelmuster müssen zu Messen gebracht werden usw.. In der Freizeit fährt man gelegentlich Fahrräder und Sportgeräte durch die Gegend; ab und an hilft man Freunden beim Umzug oder kauft bei einem grossen schwedischen Möbelhaus ein. Somit schwebte mir zunächst ein einfacher kompakter Kastenwagen vor.

 

Ein Kastenwagen ist ästhetisch und funktional recht weit von einem Reisemobil entfernt...

 

Die Idee des Reisens mit und in den vertrauten eigenen 4 Wänden hat mich schon immer fasziniert- Campingplätze sind mir als Individualist jedoch ein Greuel. Typische Reisemobile sind grösstenteils zu klobig und somit für den tagtäglichen Einsatz in Berlin Kreuzberg (oder auf engen Dorfstrassen in der Toscana...) nicht praktikabel.

 

Das charakteristische Äussere dieser häufig mit seltsamen Dekorfolien geschmückten Freizeitmobile erlaubt kein „anonymes“ unauffälliges Übernachten an schönen Orten abseits jedweder Campingplatzromatik: Ich hatte daher eher eine Art Tarnkappencamper - also ein zurückhaltendes Fahrzeug mit der äusseren Hülle eines einfachen Lieferwagens vor Augen.

 

Vor allem jedoch hält das Interior eines handelsüblichen Wohnmobils sowohl meinen pragmatischen als auch ästhetischen Ansprüchen nicht stand: Warum soll ich in meinem Zuhause in einem schlichten geschmackvollen Interieur leben- während des Urlaubs- also eigentlich der schönsten Zeit des Jahres- jedoch in einem Ambiente unterwegs sein, welches den Charme einer rasenden 80er Jahre Einbauküche versprüht? Darüber hinaus ist die Inneneinrichtung dieser Fahrzeuge meist derartig zugebaut, dass ein wie oben beschriebener Alltagsgebrauch sowie eine professionelle Nutzung für mich eigentlich nicht möglich ist...

 

Sie nutzen VANJOY also auch beruflich?

 

Ich bin häufig auf Messen unterwegs oder besuche Hersteller in ganz Europa: Mir schwebte daher eine Art mobiles Büro vor, das man auch als kleinen Besprechungsraum nutzen kann: Vor allem für die letztere Nutzung sollte der Innenraum jedoch verständlicherweise nicht nach Camping aussehen sondern auch auf potentielle Kunden wertig und zurückhaltend wirken.

 

Welches Fahrzeug fahren Sie privat?

 

Unter Berücksichtigung meiner angesprochenen Bedürfnisse bin ich folglicherweise zu dem Schluss gekommen, dass ich eigentlich gleich drei neue Autos kaufen müsste- also einen stadttauglichen Privat-PKW, einen einfachen kompakten Transporter sowie ein Reisemobil. Nach wochenlanger Recherche bin ich dann erwartungsgemäß zu der recht ernüchternden Erkenntnis gekommen, dass auf dem Markt ein solches „eierlegendes Wollmilch-Auto“ einfach nicht erhältlich ist.

 

Und daher haben Sie als Spezialist für raumsparende Möbel einfach selber ein Fahrzeugkonzept entwickelt...?

 

...und als ersten Prototypen realisiert: Auf Basis eines kurzen hohen Standard Fiat Ducato Kastenwagens habe ich ein Innenraumkonzept nach meinen Vorstellungen entworfen und eigenhändig verwirklicht:

 

Auf weniger als 4,5 qm Fläche einen mobilen, multifunktionalen und bezahlbaren Teilzeit-Wohnraum zu schaffen ist in der Praxis tatsächlich eine ziemlich spannende und lehrreiche Herausforderung- Dieses Tiny-House on wheels dient mir also quasi als rollendes Versuchslabor für raumsparende Lösungen...

 

Das VANJOY-Projekt verbindet letztendlich perfekt meine Erkenntnisse als Designer mit meinen Bedürfnissen als Unternehmer- aber natürlich auch als reisefreudiger Großstädter- und dient mir somit als absolut universell einsetzbares Alltags- und Freizeitmobil. Gleichzeitig nutze ich den Van als rollenden Showroom in dem sich jederzeit und überall meine Entwurfsphilosphie erleben lässt.

 

Typische Reisemobile sind meist mit Naßzellen, allerlei komfortablem Zubehör und sehr viel Technik ausgerüstet...

 

Dies sind kostenintensive Ausstattungsmerkmale, die ich persönlich nicht benötige. Wie bei meinen Möbelentwürfen habe ich mich zu Beginn des Designprozesses gefragt: Was braucht man wirklich, was ist mein Ziel, worauf kommt es an:

 

Wir wollen nicht wochenlang mit einem Wohnmobil auf einem Campingplatz am Gardasee herumstehen sondern mit VANJOY reizvolle Etappenziele ansteuern - und ohne schlechtes Gewissen zwischendurch auch einfach mal in einem netten Hotel übernachten...

In meinem Concept Van ist der Weg immer ein wichtiger Teil des Zieles.

 

Für den Fall aller Fälle versteckt sich übrigens im Fahrzeug ein Trocken WC sowie eine Outdoor-Dusche. Unverzichtbar sind natürlich eine hochwertige Kompressor Kühlbox, eine Solarstromanlage sowie eine kompakte Kochgelegenheit. Ausreichend Stauraum- und vor allem natürlich eine grösstmögliche Variabilität verstehen sich von selbst.

 

Für den Ausbau habe ich hochwertiges robustes Schichtholz aus heimischer Forstwirtschaft verwendet; auch dies unterscheidet das VANJOY Konzept von den Span- und Kunststoffplatten- Interieurs der üblichen Freizeitmobile. Sämtliche Einbauten lassen sich bei Bedarf in rund einer halben Stunde übrigens wieder demontieren, um das Fahrzeug nahezu in den Ursprungszustand zurückzuversetzen.

 

Wie würde Sie VANJOY in einem Satz beschreiben?

 

VANJOY ist ein erschwingliches multifunktionales „Reisetool“ für den designaffinen Nutzer: Ein zurückhaltendes rollendes Ambiente, das neben aller Alltagstauglichkeit vor allem einem Zweck dient: Die Schönheit des Reisezieles in seiner Gänze ohne Ablenkung wahrnehmen zu können.

 

Und wie geht es jetzt mit Ihrem Design Campervan weiter?

 

Für mich ist die Fertigstellung des Prototypen sprichwörtlich erst der Beginn eines spannenden Trips:

 

Mit dem Fahrzeug selber werde ich nun gemeinsam mit meiner Frau endlich auf die Reise gehen, um Europa aus einer alternativen absolut unabhängigen Perspektive heraus zu entdecken.

 

Das eigentliche Konzept eines bezahlbaren pragmatischen Design Campervans birgt natürlich darüber hinaus ein riesiges Potential in sich:

 

Mit den richtigen Partnern für Produktion und Vertrieb kann man meiner Meinung nach eine ziemlich grosse Nische innerhalb der Branche erfolgreich besetzen: Eine neue Generation designaffiner potentieller Vanlifer die von den Herstellern bislang komplett ignoriert wurde, wartet nur darauf, endlich einen zu ihrem Leben passenden Campervan erwerben, mieten oder sharen zu können- Ich bin momentan offen für jegliche Art einer seriösen Kooperation...

 

Vielen Dank Herr Hilgers- Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Erfolg auf dieser spannenden Reise...

Interview: Gabriel Hohagen / Hohagen Films anlässlich des Caravan Salon 2018